Glantz, ANTZ und die Zahlen

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Glantz, ANTZ und die Zahlen

Mein Lieblings-ANTZ hat sich am 03.02.2020 wieder zu Wort gemeldet (Leider). Er tönt auf Twitter und diversen Webseiten folgendermaßen:

Not only are more kids starting nicotine with e-cigs, but they are starting younger ! ( Link) also frei übersetzt  ”  OMG nicht nur das immer mehr Nikotin-Kids an der E-Zigarette hängen, jetzt fangen die auch immer früher damit an…. EPIDEMIE!!! Er verweist in der Folge auf folgende Studie: Trends in E-Cigarette, Cigarette, Cigar, and Smokeless Tobacco Use Among US Adolescent Cohorts, 2014-2018

 

“In 2014, 8.8% of lifetime e-cigarette users had started by age 14; in 2018 this fraction had increased to 28.6%. This result adds to the overwhelming case that e-cigarette use is an epidemic with kids and highlights the need to continue to press for bans on the sale of all flavored tobacco products, including e-cigarettes, and also stopping the sale of all e-cigarettes that have not been approved as “appropriate for the protection of public health” by the FDA. This is also more evidence that the FDA’s “enforcement policy” that exempts popular new disposable and refillable e-cigarettes is likely to fail to have much impact on youth use. It needs to be comprehensive.”

“Im Jahr 2014 hatten 8,8 % der Langzeit- E-Zigaretten-Konsumenten im Alter von  14 Jahren begonnen. Im Jahr 2018 war dieser Anteil auf 28,6 % gestiegen. Dieses Ergebnis zeigt überwältigend, dass der Gebrauch von E-Zigaretten eine Epidemie unter Kindern darstellt und unterstreicht die Notwendigkeit, weiterhin auf Verbote des Verkaufs aller aromatisierten Tabakerzeugnisse, einschließlich E-Zigaretten, zu drängen und auch den Verkauf aller E-Zigaretten zu stoppen die nicht von der FDA   als „zum Schutz der öffentlichen Gesundheit geeignet“ eingestuft wurden. Dies ist weiterhin ein Beweis dafür, dass die „Durchsetzungsrichtlinie“ der FDA wahrscheinlich keinen großen Einfluss auf die Benutzung unter Jugendlichen hat. Sie [die Durchsetzungsrichtlinie] muss umfassender sein.”


Für den unkritischen Leser ist meist an dieser Stelle Schluss. Da ist ein Professor, der verweist auf eine Studie, das muss reichen. Dabei lohnt es sich an dieser Stelle durchaus die Studie, das benutzte Zahlenmaterial und vor allem die gestellten Fragen einmal etwas näher zu betrachten. Das Ergebnis ist dann nämlich ein völlig anderes. Außerdem auch ein Exkurs darin wie man Tatsachen durch Suggestiv- und Konjunktivfragen so verbiegen und verdrehen kann das die Ergebnisse einem in den Kram passen. Deswegen schauen wir uns die Fragen und die Antworten inklusive der prozentualen Anteile mal an, ja das ist langweilig aber da müsst Ihr jetzt mal durch.


Für ganz enthusiastische Zeitgenossen hier das entsprechende Material das auch Grundlage für die oben verlinkte Studie war.


 Frage 1 zum Komplex E-Zigaretten (im Original Qn 27 siehe Quelle Survey für 2018 )

Have you ever been curious about using an ecigarette? (Warst Du jemals neugierig auf eine E-Zigarette?) Mal ganz abgesehen davon das die Antworten so gut wie keine Aussagekraft zum Thema haben (Prinzip Glaskugel oder ein Tatbestand, der als solcher nicht eingetreten ist) sind sie eigentlich nicht verwertbar. Was will man daraus ableiten? Könnte? Würde? Müsste?:

  • 16,8 % sagten ja
  • 15,6 % sagten wahrscheinlich ja
  • 10,9 % sagten wahrscheinlich nein
  • 55,3 % sagten definitiv nein

zum Vergleich 2014

  • 13,0 % sagten ja
  • 14,4 % sagten wahrscheinlich ja
  • 11,4 % sagten wahrscheinlich nein
  • 60,1 % sagten definitiv nein

Frage 2 (Qn  28)

Have you ever used an e-cigarette, even once or twice? (Hast Du schon ein- oder zweimal eine E-Zigarette benutzt ?) Das bedeutet das bereits ein Zug als Benutzung gewertet wird.

  • 25,0 % sagten ja
  • 73,1 % nein

zum Vergleich 2014

  • 19,4 % sagten ja
  • 78,6 % nein

Frage 3 (Qn 29)

How old were you when you first tried using an e-cigarette, even once or twice? (Wie alt warst Du, als Du das erste Mal versucht hast eine E-Zigarette zu benutzen, auch bei nur ein- oder zweimaligem Gebrauch?) Wieder etwas was gar nichts aussagt. “Probierverhalten” lässt keine Schlüsse auf zukünftigem Konsum zu und rechtfertigt keinesfalls das Ausrufen einer Epidemie.

  • 73,1 % Ich habe nie eine E-Zigarette benutzt
  • 0,6 % 8 Jahre
  • 0,3 % 9 Jahre
  • 0,7 % 10 Jahre
  • 1,1 % 11 Jahre
  • 2,3 % 12 Jahre
  • 3,2 % 13 Jahre
  • 5,0 % 14 Jahre
  • 4,8 % 15 Jahre
  • 4,0 % 16 Jahre
  • 2,5 % 17 Jahre
  • 0,7 % 18 Jahre
  • 0,1 % 19 Jahre

zum Vergleich 2014

  • 79,5 % Ich habe nie eine E-Zigarette benutzt
  • 0,2 % 8 Jahre
  • 0,2 % 9 Jahre
  • 0,3 % 10 Jahre
  • 0,7 % 11 Jahre
  • 1,5 % 12 Jahre
  • 1,9 % 13 Jahre
  • 2,6 % 14 Jahre
  • 3,9 % 15 Jahre
  • 3,9 % 16 Jahre
  • 2,6 % 17 Jahre
  • 0,9 % 18 Jahre
  • 0,1 % 19 Jahre

Frage 4 (Qn 30)

In total, on how many days have you used e-cigarettes in your entire life? (Insgesamt, an wie vielen Tagen hast Du in Deinem ganzen Leben E-Zigaretten benutzt?) Jetzt wird es interessant!

  • an 0 Tagen 73,6 %
  • an 1 Tag 6,4 %
  • an 2 – 10 Tagen 7,1 %
  • an 11 – 20 Tagen 2,7 %
  • an 21 – 50 Tagen 2,5 %
  • an 51 – 100 Tagen 1,9 %
  • an mehr als 100 Tagen 4,0 %

87,1 % stellen in dieser Gruppe “Probierverhalten” dar. Der Rest kann trotzdem noch nicht als Dauerkonsument gewertet werden. Bis jetzt kann ich anhand der Zahlen weder eine Epidemie feststellen, noch komme ich auf den in der Studie genannten sprunghaften Anstieg der Einsteiger unter den unter 14-Jährigen auf  angeblich 28,6 % ! Das gibt das Material nicht her.

zum Vergleich 2014

Diese Frage wurde im Survey 2014 nicht gestellt.


Frage 5 (Qn 31)

During the past 30 days, on how many days did you use e-cigarettes? (An wie vielen Tagen hast Du in den letzten 30 Tagen E-Zigaretten verwendet?)

  • an 0 Tagen  84.4 %
  • an 1 oder 2 Tagen 4.8 %
  • an 3 bis 5 Tagen 2.1 %
  • an 6 bis 9 Tagen 1.4 %
  • an 10 bis 19 Tagen 1.7 %
  • an 20 bis 29 Tagen  1.1 %
  • an allen Tagen 2.4 %

zum Vergleich 2014

  • an 0 Tagen  89,3 %
  • an 1 oder 2 Tagen 4.3 %
  • an 3 bis 5 Tagen 1,5 %
  • an 6 bis 9 Tagen 1.0 %
  • an 10 bis 19 Tagen 0,9 %
  • an 20 bis 29 Tagen  0,5 %
  • an allen Tagen 0,9 %

Hmm ich suche noch immer die Epidemie? Na wo ist sie denn? Immerhin ist dies das Zahlenmaterial auf das Glantz und Co verweisen. Wie man sich anhand dieser doch recht aktuellen Erhebung im Vergleich zu 2014 Millionen von dampfenden Kindern zusammen fabulieren kann, ist mir schleierhaft. Das es einen, wenn auch geringen Anstieg der Zahlen gibt lässt sich zum einen auf die wachsende Popularität der Dampfe in den vergangenen Jahren zurückführen. Allerdings ebenso auf die “Hassreden” der ANTZ. Verbote locken nun mal! Alles in allem sind die Anstiege aber nicht so dramatisch wie gern behauptet und rechtfertigen wie gesagt weder den Ausdruck Epidemie noch die damit verbundene Panik. Wie Glantz bzw. die Ersteller der Studie auf den o.g. Wert gekommen sind lässt sich abschließend noch nicht sagen da momentan nur das Abstract offen einzusehen ist. Das zugrunde liegende Zahlenmaterial allerdings ist frei zugänglich und widerspricht den Aussagen ganz deutlich.


Nachtrag 04.02.2020

Nach einem Tipp von Vapoon , zum Auffinden des gesamten Textes der Studie (siehe Kommentare), könnt ihr euch das alles mal ansehen wenn ihr Lust habt. Vielleicht könnt Ihr ja die Zahlen die Glantz nutzt rekonstruieren, ich kann es jedenfalls nicht!


Wenn man Testkonsum, “Einmalbenutzung”, ja nur “dran schnuppern” in einen Topf wirft, kommt man wohl zu solchen wie in der Studie verwursteten Zahlen. Sieht man sich aber die Ergebnisse genauer an und ordnet sie korrekt ein, ergibt sich folgendes Bild: Nur 0,4 % der Kinder und Jugendlichen dampfen regelmäßig. Das beinhaltet im Übrigen alle Altersgruppen, also auch die nach unseren Maßstäben volljährigen Nutzer. Die überwiegende Mehrheit von Ihnen hat vorher geraucht, sie sind also Umsteiger! Die Zahl der jugendlichen Raucher nimmt gleichzeitig ab, also nix mit Gateway! Es wird vollkommen unwissenschaftlich und vor allem wissentlich (ich unterstelle den Herren Akademikern mal, das sie in der Lage sind statistische Erhebungen korrekt auszuwerten) Verzerrung betrieben! Ich lade jeden ein sich anhand des verlinkten Zahlenmaterials selbst ein Bild zu machen. Und das in den Medien präsentierte Bild, zumindest für sich, wieder geradezurücken.


Das es auch anders geht, beweist eine Studie der NYU School of Global Public Health . Sie veröffentlichten am 13.01.20220 eine Studie die exakt auf demselben Zahlenmaterial basiert aber zu ganz anderen Ergebnissen kommt. Im Prinzip zu völlig gegenteiligen. Nach Ihnen gibt es weder eine Epidemie noch die drohenden “Teen-Vape Apocalypse”! Zitat gefällig?

“Im Jahr 2018 hatten 81,4 % der Studenten im p30d (past 30 day / vergangenen 30 Tage Zeitraum) kein Tabak- oder Dampfprodukt konsumiert, und 86,2 % hatten im p30d kein Dampfprodukt benutzt. Von den 13,8 %, die in den p30d dampften, dampften etwas mehr als die Hälfte an ≤5 Tagen (7,0 %) und jeweils etwa ein Viertel an 6-19 Tagen (3,2 %) und an 20+ Tagen (3,6 %). . Fast drei Viertel der 30-Tage-Dampfer (9,9 %) gaben an, früher oder gleichzeitig Tabak konsumiert zu haben, und der Rest (3,9 %) war tabakfrei. 2,8 % der Studierenden waren tabaknüchtern und dampften an ≤ 5 Tagen; 0,7 % waren tabakfrei und dampften an 6 bis 19 Tagen , 0,4 % waren tabakfrei und dampften an mehr als 20 Tagen.


Schlussfolgerungen:

Die Ergebnisse unterstreichen, wie wichtig es ist, den vollständigen Kontext der Verwendungsmuster zu berücksichtigen. Die Mehrheit der Dampfer (60,0% – 88,9% nach Verwendungshäufigkeit) waren gleichzeitig  oder jemals Tabakkonsumenten. Ungefähr 4% der Schüler waren tabaknüchtern […] aber nur wenige (0,4%) dampften regelmäßig an 20 oder mehr Tagen. Durch die Meldung [korrekter] Daten zum Dampfen unter Jugendlichen in Abhängigkeit von der Häufigkeit und dem gemeinsamen Konsum von Tabakprodukten erhalten Entscheidungsträger im Bereich der öffentlichen Gesundheit die bestmöglichen Informationen zum Schutz der öffentlichen Gesundheit.”

 

Bis die Tage

 

Stanton Glantz at its best…

Stanton A. Glantz – ein Portrait

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2 thoughts on “Glantz, ANTZ und die Zahlen

  1. Moin Matthias, die komplette Studie findest du, wenn du bei Tante Google mal nach “Sci” und “Hub” suchst und auf der dadurch gefundenen Seite nach der entsprechenden DOI.
    Den direkten Link poste ich hier nicht, da die erwähnte Seite in einem dunkelgrauen Bereich tätig ist. Auch wenn es ein unschätzbarer Dienst ist, den die Betreiberin mit ihr erweist.

    1. 🙂 Danke für den Tipp, da schaue ich doch gleich mal nach und bin gespannt wie die auf die knapp 30 % kommen. (Die Seite werde ich unter Favoriten speichern…)

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