Presseschelte – zu kurz gedacht

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Presseschelte – zu kurz gedacht

Wieder einmal eine Zerstörung von Irgendwas und Irgendwem. Warum man eine Meinung teilen kann und doch nicht.


Kritik am Journalismus gibt es, seit es ihn gibt. Das ist weder neu noch revolutionär. Neu ist das man heute im Gegensatz zu Zeiten der “Leserbriefkolumnen” und winzig klein gedruckter Gegendarstellungen (auf Seite 120 ganz unten links), über verschiedene Kanäle ein riesengroßes Publikum erreicht. Das ist per se erst einmal nichts Schlechtes. Im Gegenteil.

Das das so ist, erkennt man gerade ganz gut an Rezo´s neuerlichem “Zerstörungsvideo” , diesmal die Zerstörung der Presse. Es ist zu bezweifeln das in besagten “alten Zeiten” ein Leserbrief den Chefredakteur der BILD Zeitung dazu gebracht hätte sich in irgendeiner Weise zu äußern oder gar zu beschwichtigen. Wahrscheinlicher ist, dass er das nicht einmal wahrgenommen hätte. Trotzdem finde ich persönlich das die durchaus konstruktive Kritik gegen die Presse und den Journalismus zu kurz greift.

Sein Hauptkritikpunkt:

“Die eigene Reichweite zu mißbrauchen um zu desinformieren […] lohnt sich enorm!”

ist zweifellos richtig. Allerdings stellt sich doch die Frage warum sich das lohnt, will sagen, warum gerade das so gut funktioniert? Im Video wird hauptsächlich auf Verschwörungstheorien abgestellt mit den entsprechenden Erklärungsversuchen (monologische Denker etc.). Im Großen und Ganzen geht es im “Presse-Problem” aber schlicht darum das gelogen, schlecht recherchiert, erfunden und ohne Gegenkontrolle kopiert wird. Zum Glück sind Verschwörungstheorien, wie die im Video besprochenen, in der herkömmlichen Presse noch nicht angekommen  (BILD ausgenommen). Sie eigenen sich gerade deswegen nicht als Aufhänger für Kritik an den Printmedien. Da wäre eine Kritik an anderer Stelle nötig, doch dazu später.

Tatsache ist das der moralische Aufruf an dieser Situation nichts ändern wird, solange der deutsche Pressekodex das Papier nicht wert ist, auf dem er geschrieben wurde. Mit anderen Worten, solange sich das Verbreiten von Lügen, Falschbehauptungen oder gar erfundenen Geschichten finanziell lohnt und selbst erstrittene Entschädigungszahlungen nur einen Bruchteil der zuvor verdienten Summen ausmachen, wird sich daran gar nichts ändern. Es fehlt schlicht an wirksamen und an für den Verursacher spürbaren Mitteln daran etwas Grundlegendes zu ändern. Da hilft, so fürchte ich, auch nicht das Wedeln mit dem Zeigefinger.

Im übrigen absolut problematisch in diesem Zusammenhang finde ich die Äußerungen jener Pressevertreter die Hurra rufend auf den “Rezo”- Zug aufspringen und doch in der Vergangenheit das was kritisiert wurde ebenso getan haben. Das ist an Scheinheiligkeit schwer zu überbieten. (Man denke an die miese Copy&Paste Aktion im Zusammenhang mit EVALI, die in der gesamten deutschen Presse stattgefunden hat.)

Die Presseschelte, die eigentlich eine allgemeine Medienschelte ist, wenn man sich das ganze Video anschaut, greift aber auch deswegen zu kurz, weil der klassischen Presse hier eine Wichtigkeit eingeräumt wird, die sie gar nicht mehr hat. Twitter, Facebook und Youtube sind die neue BILD. Hier werden erheblich mehr Menschen erreicht als mit allen gedruckten und online veröffentlichten Presseerzeugnissen. Hier werden Meinungen gebildet und irregeleitet.

Da beglückt der greinende Präsident der USA seine 82 Millionen Follower auf Twitter tagtäglich mit nachweislich erfundenen Storys. Auf Youtube kann jeder labern was er will, sei es die kommende Weltherrschaft der Echsenmenschen, die Dampfe als Schwert des Teufels,  Gates als Vollstrecker beim Minimieren der Weltbevölkerung, Zeit- und Nerven raubende Flacherdler oder Merkel als Chefin einer BRD-GmbH. Nichts was es nicht gibt.

Das über die Verantwortlichkeit dieser Konzerne in der Medienschelte nicht ein Wort fällt, ist mehr als nur inkonsequent. Aber gut, wer spuckt schon gern in die Suppe, die er gerade löffelt.

Genauso inkonsequent ist es das er Medien die Nutzung von Mitteln vorwirft, die er selbst regelmäßig nutzt, um Klicks zu generieren. Als da wären die Nutzung von verkürzten und überspitzten Headlines, Pauschalisierungen in den Überschriften und Bilder die gelegentlich ohne Kontext Aufmerksamkeit erzeugen sollen.


Naturgemäß ist eine Kritik, die man übt persönlich eingefärbt, will sagen nicht immer objektiv. Das er genau

gar nicht kritisiert, mag daran liegen, dass er dort eine Kolumne hat. Aus seiner Sicht mag das stimmen. Ich werfe gerade der Zeit vor nicht ausreichend zu recherchieren und News per Copy & Paste zu verbreiten. Persönliche Wahrheiten sind eben auch von persönlichen Standpunkten abhängig. Folglich kann eine Kritik nicht für jeden die ultimative Wahrheit enthalten. Im Gegenteil auch mit Kritik muss man sich kritisch auseinandersetzen. Ihr blind 100% Wahrheit zu attestieren ist genauso dämlich wie sie in Bausch und Bogen zu verdammen. Die Wahrheit liegt eben wie immer irgendwo in der Mitte.

Quelle:Zeit

So nötig die Kritik als solche ist, so halbherzig und selektiv kommt sie daher. Zumindest in meinen Augen.

 

Bis die Tage


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One thought on “Presseschelte – zu kurz gedacht

  1. “Die eigene Reichweite zu mißbrauchen um zu desinformieren […] lohnt sich enorm!”

    Also genau das, was man ihm selbst vorwerfen muss. Zugegeben, in seinen Beiträgen stecken mehr Hintergrundinformationen als in einem durchschnittlichen Artikel des Spiegels. Das ändert jedoch nichts daran, dass seine “Zerstörungs-Videos” einseitig und unvollständig sind, was einer Desinformation gleichkommt.

    Das ist grundsätzlich nicht einmal ein Problem. Meinungsbeiträge oder in diesem Fall Kommentare im Videoformat dürfen einseitig sein. So zu tun, als handle es sich um investigativen Journalismus ist jedoch lächerlich.

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