TOP 17  – im Kaninchenbau

TOP 17 – im Kaninchenbau

3. Juli 2020 5 Von Matthias Jung
4.9
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TOP 17 – im Kaninchenbau

Heute Nacht war es so weit. Der TOP (Tagesordnungspunkt) 17 der 170. Bundestagssitzung zur Änderung des Tabakerzeugnisgesetzes wurde nahezu 2 Stunden später als geplant abgehandelt. 23:05 Uhr.



Nachtrag zum Audiobeitrag: Ganz zum Schluss wunder ich mich über die Nikopods (Nikotinhaltige Pods sind wohl gemeint) frage mich aber eher warum die in einer Reihe mit SNUS Produkten genannt werden.

 

Man kann sich nach Betrachten des Videos dem Thema nur sachlich nähern, eine emotionale Beurteilung würde niemandem guttun. Nicht mir, nicht euch, niemandem. Nur Nüchternheit hilft euch wieder hinaus, also aus dem Kaninchenbau oder von hinter den Spiegeln, sucht euch was aus. Also versprochen ich versuche es….. Naturgemäß beschäftige ich mich nur mit den Dingen, die die Dampfe betreffen.(Plenarprotokoll 170. Sitzung)

Rednerin: Gitta Connemann CDU/CSU (der “herausragendste” Beitrag deswegen ausführlicher kommentiert als andere)

“Weiß ein Fünfzehnjähriger, das die erste Zigarette krank machen kann? Auch die E-Zigarette. Blei, Nickel, Chrom landen in der Lunge.”

Es ist erstaunlich mit welchem Pathos man doch Dinge vortragen kann, bei denen man ständig behauptet das man keine Aussage dazu treffen könne, weil es an Langzeitstudien fehle.

“Nikotin hat eine höhere Suchtpotenz als Heroin. Egal ob aus einer Zigarette, einem Verdampfer oder einem Erhitzer. Es erreicht nach spätestens 20 Sekunden das Gehirn. Shake & Vape lässt grüssen.”

Wahrscheinlich hat es bei der “Rede” nur zum “überfliegen” eines Wiki-Artikels gereicht. Suchtforscher werden sicher vollkommen aus dem Häuschen sein ob dieser abenteuerlichen Aussage. Es gab zwar einmal einen Versuchsaufbau mit Ratten der Nikotin unmittelbar nach Heroin einordnete (ich glaube um 2008), das Ergebnis wurde aber mehr als nur einmal kritisiert. Sie scheint zwar verstanden zu haben, dass Suchtpotenz unter anderem mit der Schnelligkeit des “anflutens” zu tun hat. Es reicht aber nicht zur Erkenntnis das bei allen drei genannten Varianten unterschiedliche Voraussetzungen und Anflutungs-Zeiten vorliegen (Tabakrauch mit allen zusätzlich enthaltenen Begleitstoffen / reines medizinisches Nikotin in der Dampfe  übrigens dauert da die Anflutung am längsten/ Nikotin ohne die Verbrennungs typischen Begleitstoffe aber mit anderen Stoffen aus dem Tabak im Tabakerhitzer)  und deswegen das Suchtpotenzial vollkommen unterschiedlich zu bewerten ist. Was auch Sinn macht, ansonsten wäre ja ein Nikotinpflaster einem Heroinpflaster gleichzusetzen… Öde Gleichmacherei. Was der Shake & Vape Spruch soll, keinen Plan. Sollte sich wohl Hip anhören…

“Für Jugendliche sind Aromen wie Erdbeere & Co absolut verlockend.”

Echt jetzt? Wow! Hört sich ja total schlüssig an. Aber das erklärt, warum es so wenig Eiscreme in den Geschmackssorten Fußschweiß und Glatzenfett gibt… Natürlich spricht angenehmer Geschmack an. Die Erkenntnis ist wohl nichts wirklich Neues. Trifft allerdings bei der E-Zigarette in Bezug auf die Jugendschutzdebatte nicht zu. Einfach mal entsprechende Befragungen lesen, alle bestätigen dasselbe. Aromen verführen Kiddys statistisch betrachtet nicht zum Dampfen!

“Wo fangen wir an, wo hören wir auf? Ist das nächste das Verbot von Alkohol oder Süßigkeiten? Die Antwort lautet NEIN, da gebe ich Ihnen mein Wort!”

Die Alkohol- und Süßwarenindustrie wird es freuen. Auf die CDU/CSU ist eben Verlass. Betrachtet und vergleicht man allerdings die tatsächliche Nutzung von Alkohol und E-Zigaretten unter Jugendlichen und deren gesundheitliche Auswirkungen auf Jugendliche, stellt sich eigentlich nicht einmal die Frage wovor besser geschützt werden sollte. Die Antwort lautet (Trommelwirbel) ALKOHOL.

Konsumprävalenz Alkohol

 

“Ganz abgesehen von der Suchtpotenz von Nikotin. […] Ein Glas Wein macht noch keinen Alkoholiker, ein Schokoriegel noch keine Fettleber. Hier macht die Dosis das Gift!”

Tipp an Frau Connemann: Wer Paracelsus zitiert, sollte ihn auch verstanden haben. “Alle Ding’ sind Gift und nichts ohn’ Gift – allein die Dosis macht, das ein Ding’ kein Gift ist.”  Der Spruch meint alles, wirklich alles auch Nikotin. Wahrscheinlich sogar Reden im Bundestag…


Redner: Wilhelm von Gottberg AfD

“Es gibt starke Hinweise darauf das der starke Rückgang der Raucherquoten in England und den USA mit dem aufkommen der E-Zigarette zusammenhängt. Deswegen ist das Verbot der E-Zigaretten nicht der Weisheit letzter Schluss. In England wird die E-Zigarette von großen gesundheitpolitischen Organisationen und von staatlicher Seite als Mittel zur Nikotinentwöhnung gefördert.”

So schwer mir es persönlich fällt das zu sagen, aber Recht hat er.


Redner: Rainer Spiering SPD

 

Kann man leider noch nichts dazu sagen. Rede wurde zu Protokoll gegeben. Protokoll noch nicht einsehbar.


Redner: Gero Clemens Hocker FDP

“Denn wenn Sie tatsächlich den Schutz der Menschen im Blick hätten, dann müssten Sie zur Kenntnis nehmen das 98 % der Menschen die zur E-Zigarette greifen früher Raucher gewesen sind und die E-Zigarette ganz bewusst als Instrument zur Rauchentwöhnung verwenden. […] Sie erschweren Menschen den Schritt zu weniger gesundheitsschädlichen Alternativen, weil Sie meinen Menschen schützen zu müssen … vor sich selber, die das aber ausdrücklich nicht wollen.”

So entstehen Wahlalternativen… Ganz im Ernst. Wählt FDP. Jetzt wirklich im Ernst. 😜


Redner: Niema Movassat Die Linke

Bezieht sich dieses Mal in seinen Ausführungen nicht auf die E-Zigarette, deswegen unkommentiert.


Rednerin: Kirsten Kappert-Gonther Bündnis 90 DieGrünen

“Und die WHO ist auch hier eine gute Ratgeberin.”

Für Pharma-Lobbyisten mag das zutreffen. Für Verfechter von Harm Reduction Interessen eher weniger.

“Vor diesem Hintergrund entpuppt es sich als unnötiges Trostpflaster für die Industrie das Tabakerhitzer und die E-Zigarette mit langen Übergangsfristen weiter werben darf. In der Anhörung gab es deutliche Töne von den Sachverständigen… auch diese Werbung braucht kein Mensch.”

Das nennt man selektive Wahrnehmung. Es gab sehr wohl Sachverständige, die darauf hingewiesen haben das die Werbung für E-Zigaretten ein Mittel zum Rauchaustieg unterstützt. Aber ignorieren und ausblenden ist halt viel bequemer. Erinnert mich an die Theorie, wenn ich die Augen schließe und andere nicht sehe, sehen die mich auch nicht.


Rednerin: Daniela Ludwig CDU/CSU (Bundesdrogenbeauftragte)

“Nein, wir verbieten das Rauchen nicht, das liegt immer noch in der Eigenverantwortung des einzelnen was er tut und was er lässt.”

Fraglich warum gleiche Maßstäbe nicht für das erheblich weniger schädliche Dampfen gelten. Gut auch das ist nicht verboten, wird aber wesentlich stärker attackiert als die Tabakzigarette und mit Forderungen überzogen, die einem Verbot nahekommen (Aromendebatte).

“Werbung für E-Zigaretten…Werbung als wohlschmeckendes Einstiegsprodukt.[…] Mittlerweile auch bei nikotinfreien E-Zigaretten, auch hier haben wir den Suchtfaktor , den Abhängigkeitsfaktor und im Zweifel auch einen gesundheitsschädlichen Faktor mit dabei.”

Wow, die Studie die PG und VG sowie Aromen neuerdings unterstellt sie würden süchtig machen muss wohl an mir vorübergegangen sein. Aber zum Glück gibt es ja Daniela Ludwig die mich unbedarftes Bürgerlein darauf hinweist. Danke Daniela. Ironie aus. Um es in deinen Worten zu sagen: Kreizkruzefix – himmeherrgott – sakramt – mileckstamarsch, du Pfannakuacha, du windiga!

 


Entschließung verabschiedet

Mit den Stimmen der Koalitionsfraktionen, der AfD und der FDP bei Enthaltung der Linken und Grünen fasste der Bundestag eine Entschließung. Darin wird die Bundesregierung aufgefordert, den Fachausschüssen des Bundestages über die Entwicklung des Konsums von E-Zigaretten, vor allem bei Jugendlichen und Neueinsteigern sowie bisherigen Nichtrauchern zum 1. Januar 2022 und zum 1. Januar 2025 zu berichten. Die Inhaltsstoffe in E-Zigaretten sollten regelmäßig auf eine mögliche Gesundheitsgefährdung und eine suchtsteigernde Wirkung überprüft und die Liste der verbotenen Inhaltsstoffe entsprechend aktualisiert werden.

Verlangt wird darüber hinaus eine Studie zu den gesundheitlichen Auswirkungen des Inhalierens von Aromen in E-Zigaretten. Dabei seien auch sogenannte Aroma-Cards bei Zigaretten sowie medizinische Aspekte der Tabakentwöhnung einzubeziehen. Zudem soll geprüft werden, in wieweit weitere Aromastoffe in die Liste verbotener Inhaltsstoffe im Anhang der Tabakerzeugnisverordnung aufgenommen werden müssen. Schließlich sollte auch eine Studie zu den gesundheitlichen Auswirkungen des Konsums der neuartigen All-White-Produkte wie Nikotinbeutel, Nikotin Pouches und Nikopods in Auftrag zu gegeben [sic] werden.

 

Erwartungsgemäß wurden die Änderungen durchgewunken, ebenso wurde die oben zitierte Entschließung verabschiedet. Unmittelbar hat das alles erst einmal NOCH keinen Einfluss auf die Dampfe, macht aber deutlich in welche Richtung es demnächst gehen wird. Allein die Gleichstellung nikotinhaltiger und nikotinfreier Liquids wird einiges an Änderungen im Markt provozieren.  Und das zum Nachteil von Produzenten und Konsumenten! User die hier allein die Produzenten in der Klemme sehen und das wie geschehen, in den sozialen Medien sogar feiern und die Änderungen begrüßen (zumeist aus absolut niedrigen Beweggründen / Neid auf große Influencer), sind schlicht blind oder unsagbar dumm! Ganz abgesehen davon was da noch alles wegen der Aromen auf uns zurollt. So leid es mir tut das zu sagen, eine Möglichkeit etwas dagegen zu tun, nämlich die Initiative die E-Zigarette aus der Tabakregulierung zu entfernen, ließ die “Community” Europaweit verstreichen, weil sie den Arsch nicht hochbekommen hat. Zum Jammern ist es nun zu spät! Die Zeit zum Jubeln, wenn man sich mal das ganze Konstrukt und nicht nur aus purer Schadenfreude die Werbebeschränkungen ansieht, hat und wird es nie geben.

 

Bis die Tage

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