Kassen, Rauchstopp und Moral

Kassen, Rauchstopp und Moral

29. Juli 2020 2 Von Matthias Jung
4.8
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Kassen, Bund und Wirtschaft, Rauchstopp und Moral – eine unmoralische Betrachtung

Wichtig!

 

Man nimmt gemeinhin an das die Krankenkassen, Bund und Wirtschaft ein Interesse daran haben sollten das möglichst viele Raucher auf die mittlerweile nachgewiesene unschädlichere und damit auch für die KK günstigere E-Zigarette umsteigen sollten. Um so mehr wundert man sich über die  Verweigerungshaltung der Kassen in Deutschland. Diese machen durch ihren gezielten Einsatz von Fehlinformationen ihre Abneigung zur Dampfe mehr als deutlich. Sparen denn die Kassen nicht auch am Umstieg durch sinkende Kosten für die Behandlung von Raucherkrankheiten? Nicht nur Kassen, auch Bund und Wirtschaft würden doch profitieren, meint man…

JA & NEIN

Um die Frage nach dem “Wem nutzt” der Umstieg oder der Rauchstopp, eindeutig zu beantworten muss man zuerst einmal alle möglichen Aspekte des Themas auseinander fitzeln. Oft hört man das der Bund den Umstieg unterstützen sollte, schließlich würde es ihm ja enorme Kosten ersparen. Tut es nicht! Welche Kosten sollten das denn sein?  Nahezu alle Mehrkosten die durch das Rauchen entstehen (Krankheiten, Arbeitsausfall etc.) trägt nicht der Bund. Diese Kosten verteilen sich auf Krankenkassen (Behandlungskosten, Lohnfortzahlung usw.) und Wirtschaftsakteure (Lohnfortzahlung etc.). Statistisch betrachtet belasten Raucher das Bruttosozialprodukt jährlich im mittleren zweistelligen Milliardenbereich durch Arbeitsunfähigkeit, Frühsterblichkeit und Frühinvalidität. Nun mag man meinen das gerade die Frühinvalidität wegen der entsprechenden Rentenzahlungen den Bundeshaushalt belasten, auch dem ist nicht wirklich so. Doch dazu später. Man sieht also die Hauptbelastungen bleiben an Kassen und Wirtschaft hängen.

Dem Bund scheint das ganze Thema relativ egal. Solang der Rubel rollt und das tut er. Auch trotz sinkender Raucherzahlen. Die entsprechenden Steuern werden einfach seit Jahren angehoben, so das sie trotz der fallenden Raucherquote nahezu auf gleichem Niveau bleiben.(Siehe Grafik blaue Säulen)

Es besteht also, auch wenn das gern behauptet wird, seitens des Bundes keine “Panik” wegen sinkender Steuereinnahmen durch Tabakprodukte. Das ist ein Ammenmärchen. Wie ist dann aber die Haltung der Politik zum Thema zu deuten, wenn sie angeblich weder verliert noch wirklich gewinnt? In meinen Augen hängt das einzig und allein an der finanzstarken Pharmaindustrie, die ihre Interessen durchaus durchzusetzen weiß. Ein Rädchen hier geschmiert, ein Rädchen da geschmiert. Eine Reise hier, ein Flug da. Finanzielle Unterstützungen für Universitäten und damit Garantien für genehme Studien usw. Big-P verdient eben tatsächlich und im Wortsinn an Raucherlungen, Tumoren und morgendlichem Keuchhusten. Ein gesunder Patient ist ein schlechter Patient. Sollte der Raucher sich dann doch entscheiden aufzuhören, kann man trotzdem noch weiter Kasse machen. Nikotinersatzprodukte setzen Milliarden um obwohl sie nachgewiesenermaßen kaum einen Nutzen haben, zumindest im Vergleich zur Dampfe. Wen wundert es da, das Pharma im Moment über die Politik versucht durchzusetzen das Ersatztherapien von der Kasse bezahlt werden sollen. Ein sich ewig drehendes Karussell der Einnahmen an dessen Anfang der Raucher steht, am Ende übrigens auch… Und genau das erklärt, warum Politik und Big-P nur halbherzig gegen die Tabakzigarette kämpfen, aber mit vollem Einsatz die Dampfe vom Feld kicken wollen.

Ich habe ja am Anfang gesagt das wird eine “unmoralische” Betrachtung. Also vergessen wir die Moral einmal und kommen zum Nutzen für den Bund, wenn er durch Umsteiger gesündere Bürger hätte und folglich die Ausgaben für Frühinvalidität durch das Rauchen senken könnte. Um es kurz zu sagen, diesen Nutzen gibt es nicht. Im Gegenteil. Auch hier macht uns die Statistik wieder einmal einen Strich durch die Rechnung. Die bei Rauchern verringerte Lebenserwartung entlastet das Rentensystem erheblich. Wieder statistisch betrachtet stirbt ein männlicher Raucher 5,5 Jahre früher als ein männlicher Nichtraucher, eine Raucherin 4,4 Jahre früher als eine Nicht-Raucherin. Das bedeutet Raucher-/innen ersparen durch früheres ableben dem System Milliarden an Euro! Die ersparten Frühinvaliditätszahlungen, sind da nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Vielleicht erklärt das die im Vorfeld besprochene Haltung der Politik. Ohne Moral betrachtet sind die genannten Reaktionen zumindest nachvollziehbar.

Hmm, bis jetzt profitieren fast alle von Rauchern und im Rauch dahingeschiedenen. Fast ist man geneigt die Hände gen Himmel zu heben und zu sagen “Aber die Kassen, die würden doch wenigstens etwas vom Umstieg haben!”

Nöp haben sie nicht

Also nicht wirklich. Natürlich würden die Mehrkosten, die das Rauchen verursacht am Anfang erst einmal sinken. Das ist wohl richtig. In der Folge würden sie aber durch die steigende Lebenserwartung wieder in die Höhe schnellen. Die Kostensenkung bzw. die Ersparnis wäre nur ein temporärer Effekt. Bereits 1997 stellte eine britische Studie fest:

“Die Kosten für die Gesundheitsversorgung von Rauchern in einem bestimmten Alter sind um bis zu 40 Prozent höher als die für Nichtraucher. In einer Bevölkerung, in der niemand rauchte, wären die Kosten bei Männern um 7 Prozent und bei Frauen um 4 Prozent höher als bei Frauen derzeitige gemischte Bevölkerung von Rauchern und Nichtrauchern. Wenn alle Raucher aufhören würden, wären die Kosten für die Gesundheitsversorgung zunächst niedriger, aber nach 15 Jahren wären sie höher als derzeit. Langfristig würde eine vollständige Raucherentwöhnung zu einem Nettoanstieg der Gesundheitskosten führen…

Wenn die Menschen mit dem Rauchen aufhören würden, würden sich die Kosten für die Gesundheitsversorgung verringern, aber nur kurzfristig. Schließlich würde die Raucherentwöhnung zu erhöhten Kosten für die Gesundheitsversorgung führen.”

Bis jetzt bleiben also nur zwei Interessengruppen übrig, die vom Umstieg auf die Dampfe profitieren. Raucher und Wirtschaft. Also exakt die Gruppierungen die nicht gegen die Dampfe “schießen”. Die Raucher wegen des gesundheitlichen Nutzens für sich selbst, die Wirtschaft, weil sie zugegeben die meisten der anfallenden “Raucherkosten” zu tragen hat. Für den Rest der o.g. Akteure ergibt sich eben rein rechnerisch, dass sie die Thematik eben ohne Moral angehen. Es scheinen nur finanzielle Absichten im Raum zu stehen. Eine Modellrechnung aus dem Jahr 2016 stellt ganz nüchtern fest:

“Die reale Gesellschaft in Deutschland ist um 36,4 Milliarden Euro günstiger als die fiktive Gesellschaft ohne Raucher.”

Und damit wären wir beim unausweichlichen Fazit. Weder Kassen noch Bund profitieren rein rechnerisch vom Umstieg. Also Zeit für mehr Moral. Nur ist die nicht umsonst, im Gegenteil. Sich Moral zu leisten heißt tatsächlich sich etwas zu leisten. Aber das bedeutet nicht, das es unmöglich ist. Auch wenn es momentan den Anschein hat.

 

Bis die Tage

Kassen, Rauchstopp und Moral

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